Seniorendienst

"Flüchtlingspost"

Hier finden Sie Berichte rund um Aktivitäten mit den Asylbewerbern in den letzten Monaten.

 

Soweit nicht anders angegeben, stammen die Berichte von der Weßlinger Autorin und Journalistin Anja Janotta.

Interview mit Stephan Troberg: "Wir werden das schon stemmen!"

 

Stephan Troberg mit zwei afghanischen Jugendlichen

 

Stephan Troberg, Erster Vorstand der Nachbarschaftshilfe, ist der Dreh- und Angelpunkt des Helferkreises Asyl. Der 75-Jährige hat sich mit einer Unmenge an Herzblut und Tatkraft in die Aufgabe gekniet, den Flüchtlingen das Leben in Weßling zu erleichtern und ihnen eine warmherzige, freundliche und offene – vorläufige – Heimat zu bieten. Er erzählt über seine Erfahrungen und seine Erwartungen für das Frühjahr, wenn neue Gäste zu uns kommen – dann auch für länger.

Wie kamen Sie dazu, sich so tatkräftig mit dem Thema zu befassen?

Spätestens als die Flüchtlinge in Inning ankamen, wussten wir, dass auch wir in Weßling uns bald diesem Thema stellen müssen. Für uns war von Anfang an klar, dass sich die Nachbarschaftshilfe aus ihrem Grundsatz heraus „Jeder für Jeden“ solidarisch engagieren wird. Ich habe mich bereits im Frühjahr bei der Gemeinde erkundigt, was wohl zu erwarten sei, aber dabei leider nicht viel erfahren. Wohl aber von der Nachbarschaftshilfe Inning, von deren Erfahrungen wir uns einiges abschauen konnten, so dass wir dann gezielt aktiv werden konnten. Als es dann im Juli sehr kurzfristig hieß, dass nach Weßling 180 Flüchtlinge kommen sollten, haben wir sehr schnell reagiert, so dass es dann später auch so reibungslos verlaufen ist. Zwei Tage bevor die Ersten mit der Bahn eintrafen, hat sich der Helferkreis formiert.

Der Zuspruch war ja sehr groß.

Schon bei der Info-Veranstaltung im Pfarrstadel gab es schon viel Zuspruch und zahlreiche Weßlinger haben sich schon in die ersten Listen eingeschrieben. In den ersten Tagen danach haben sich ebenso viele gemeldet, die uns unterstützen wollten. Mittlerweile sind 314 Leute dabei. Das ist in der Tat enorm. Und es gibt einen wirklich großen Kreis von sehr aktiven Helfern, das sind bestimmt 90 und mehr. Bei den Deutschkursen sind die meisten eingespannt, das sind ca. 40 Ehrenamtliche. 20 koordinieren die Kleiderspenden, 8 die Fahrradausgabe, 21 übernehmen Fahrdienste, einige die Betreuung der Schulkinder. Das klappt richtig gut – teilweise sehr spontan. Und dann gibt es die vielen Hände, die Kinder betreuen, Aktivitäten organisieren und ähnliches.

Ist es nicht traurig, dass diese Aufnahmebereitschaft und die Willkommenskultur bald wieder vorbei ist? Dann, wenn die Flüchtlinge die Turnhalle verlassen und nach Herrsching ziehen.

Das Thema ist für uns ja nicht vorbei. Denn der Gemeinderat hat ja gerade erst den neuen Standort für eine Containersiedlung bei der Feuerwehr beschlossen. Im Frühjahr kommen neue Gäste und die werden länger bei uns bleiben. Und außerdem hoffen wir, dass sich in der Zeit, in der unsere jetzigen Gäste hier sind, viele Bekanntschaften und Freundschaften gebildet haben, die auch dann Bestand haben, wenn sie nach Herrsching umgesiedelt werden.

Haben auch Sie Bande geknüpft, die halten werden?

Ja, insbesondere mit drei afghanischen Jungs und einer afghanischen Familie. Diese hat kürzlich bei uns gekocht, nachdem wir erst zusammen einkaufen waren. Ich war ziemlich überrascht, dass sie mehr und noch mehr Öl einkaufen wollten – denn die Zucchini mussten unbedingt frittiert und nicht rausgebraten werden. Lecker war‘s. Der Vater der Familie ist übrigens Schreiner- Küchenschreiner. Er hat mir gleich perspektivisch aufgezeichnet, wie er unsere Küche umgestalten würde – wenn man ihn denn ließe.

Ein enormer Aufwand, den die Nachbarschaftshilfe jetzt zusätzlich übernehmen muss, ist die Betreuung der Flüchtlinge aber trotzdem. Woher bekommen Sie finanzielle Unterstützung?

Natürlich haben wir ein besonders gewidmetes Spendenkonto, aber viele Dinge müssen wir natürlich auch aus dem Topf der Nachbarschaftshilfe stemmen. Das sind umgerechnet 1500 Euro im Monat an zusätzlicher Belastung. Nun hoffen wir, dass uns die Gemeinde – ähnlich wie in Inning – eine 450-Euro-Kraft finanziert, die in der Abwicklung hilft, wenn wir bald neue Gäste bekommen. Trotzdem wären mehr Spenden wünschenswert.

Im Seehäusl werden Deutschkurse abgehalten, Kindertreffs, Freizeitaktionen, es gab mehrere Essen und Feste. Für die Nachbarschaftshilfe ist so viel Trubel und Treiben doch auch sehr belebend, oder?

Auf alle Fälle. Es ist toll, wer sich alles bei uns jetzt engagiert und wen man Neues kennenlernt. Natürlich wäre es noch schöner, wenn ein großer Teil der Helfer auch Mitglied wäre oder wir insgesamt noch mehr Mitglieder hätten und dadurch mehr Mitgliederbeiträge bekämen.

Sind diese Begegnungen der Lohn, ihre Motivation, jeden Morgen ins Büro zu kommen und sich auch mit der Bürokratie der Behörden und den Widrigkeiten auseinanderzusetzen?

Wenn man viel gibt, bekommt man meist auch viel Lohn zurück.

Gibt es so etwas wie einen Lieblingsmoment aus den vergangenen zweieinhalb Monaten?

Die Lieblingsmomente bei den Begegnungen mit den Gästen sind die lachenden Gesichter, die Dankbarkeit, das Umarmen.

Sie müssen darauf nicht antworten – aber auch so etwas wie den schrecklichsten Moment? Gab’s Momente des Zweifels?

Zweifel gibt es bei mir nicht. Es ist jedoch schrecklich von einer albanischen Familie zu hören, sie würden nicht mehr zum Deutschunterricht kommen. Das benötigen sie nicht, denn sie wären ja hier in Deutschland nur im Urlaub und gehen bald wieder zurück.

Ein mittlerweile frisch Neugeborenes lebt jetzt mit seiner Familie in der Turnhalle. Eine weitere Frau wird bald entbinden. Auch sie wird mit dem Baby zunächst dort hausen müssen. Die Stimmen, dass die Bedingungen in der Turnhalle unmenschlich sind, werden immer lauter. Wie sehen Sie die Lage?

Stecken sie doch mal 144 Deutsche monatelang ohne Arbeit in diese Turnhalle, die Frage wäre schnell beantwortet. Bauzäune mit Folien bespannt als Abgrenzungen, nachts ständig brennendes Licht, weinende Kinder, häufiges Laufen zu den Toiletten und zurück, das ist für eine Nachtruhe und Entspannung nicht zuträglich.

Nach dem Motto der Nachbarschaftshilfe: Gibt es Möglichkeiten, dass auch andere bedürftige Familien oder einzelne Personen in Weßling von der breiten Unterstützung profitieren können? Indem man Ihnen auch Kleiderspenden, günstige Fahrräder zukommen lässt beispielsweise, oder die eine oder andere unbürokratische praktische Hilfestellung?

Die Nachbarschaftshilfe unterstützt sehr erfolgreich mit ' handinhand ' seit über 20 Jahren hilfsbedürftige Menschen in Weßling, Oberpfaffenhofen und Hochstadt mit vielfältigen Aktivitäten. (Ich empfehle dazu, unsere sehr informative Website unter www.nbh-wessling.de anzusehen). Wir sind für Veränderungen, Neues und Verbesserungen sehr aufgeschlossen. Die Kleiderbörse und den Fahrradverleih werden wir selbstverständlich in unser Programm aufnehmen, das gilt natürlich für alle hilfsbedürftige Menschen, ganz gleich welcher Nationalität sie angehören.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, was würden Sie sich für unsere heutigen Gäste wünschen?

Erstens: Ich wünsche mir, dass die angeknüpften Freundschaften mit den Gästen nicht abreißen, wenn sie nach Herrsching ziehen. Vielleicht können diejenigen, die anerkannt werden, wieder nach Weßling in die Containersiedlung kommen. Zweitens: Ich wünsche mir, dass die Gäste nicht allzu lange in den zusammengewürfelten Containersiedlungen an den Ortsrändern wohnen müssen, sondern in fest gebaute Häuser umziehen können. Drittens: Ich wünsche mir, dass unsere anerkannten Gäste bald Arbeit finden und in unsere Arbeits- und Sozialsysteme integriert werden.

Was wünschen Sie sich von den Weßlingern?

Für uns Weßlinger wünsche ich mir, dass wir keine Ängste vor den Gästen haben, uns bedrängt und ausgenutzt fühlen, sie ablehnen. Sondern dass ihre andere Kultur und Lebensweise für uns eine Bereicherung werden kann.

Wie sehen Sie die Zukunft?

Wir haben eine starke Struktur aufgebaut: Die Deutschkurse, Kinderbetreuung, Kleiderspenden und alles andere läuft sehr organsiert und zuverlässig. Ich bin nach den guten Erfahrungen der letzten Wochen auch sehr zuversichtlich für die Zeit, wenn die Neuen kommen – wir werden das schon stemmen!

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Auf dem Weg in die Schule

Der roten Schulranzen mit den fröhlich gelben Blumen hat lange gewartet. Nahezu alle anderen 28 waren vorher verlost, fast alle Kinder hatten schon ihren im Besitz. Aber dann fiel das Los auf das elfjährige afghanische Mädchen. Sie hüpft vor Freude in die Höhe und ihr Jubeln gellt durch die ganze überfüllte Sportgaststätte. Genau den hatte sie sich gewünscht!

Auch die anderen Kinder sind glücklich mit den Ritter- und Rennauto-Ränzen, die früher mal Weßlinger Kinder in die Grundschule begleitet haben. Jetzt begleiten sie die 17 Flüchtlingskinder, die in die Übergangsklasse in Herrsching gehen. Das Mädchen mit dem Blumen-Rucksack hingegen fährt mit zehn anderen Kindern jeden Morgen in die andere Richtung. Ihre Übergangsklasse ist in der Mittelschule Gilching.

Am 28.09., ein paar Tage nach dem Beginn des bayerischen Schuljahres, war für die Flüchtlingskinder unter 15 Jahren der Start an den hiesigen Schulen. Dass es für sie ein reibungsloser Start wurde, dafür haben die Helfer/-innen und die eifrigen Spender aus Weßling gesorgt. Denn die Schulränzen und das Material, das bei der Kleidersammlung abgegeben wurde, reichte mehr als gut für alle: So konnte jedes Kind mit einem intakten Schulranzen und vollständiger Ausstattung seine Schulkarriere in Deutschland beginnen. Die Grundschüler haben außerdem gleich eine deutsche Besonderheit mit auf dem Weg mit bekommen: Eine selbst gebastelte Schultüte, gespickt mit kleinen Naschereien, Schulmaterial und ganz kleinem Spielzeug.

Auch ein Begleitdienst bei der S-Bahn für die ersten Schultage und viele Helfer für die Hausaufgabenbetreuung haben sich im Helferkreis gefunden. Sie kümmern sich, dass auch die erste Schulzeit möglichst gut verläuft. Die Spenden übrigens waren so zahlreich, dass restliches Material und zusätzliche Ränzen für künftige Schulkinder, die als Flüchtlinge nach Weßling kommen, aufbewahrt werden konnten.

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So zu wohnen wäre ein Traum

Ulrike Roos, Museumspädagogin aus Weßling, Michaela Gebert und Eva Dellinger malen regelmäßig am Wochenende mit den Asylbewerbern. Am Anfang waren es oftmals sehr düstere Bilder, mit denen die Asylanten ihr Erlebtes zu Papier brachten: Boote, Verletzte und Blut und Schrecken.

Dem wollte Ulrike Roos mit einem Film- und Kunstprojekt optimistischere Bilder entgegen setzen: Blumen, paradiesische Gärten, prachtvolle Tiere und blühende Kunstwerke. Für den Jugend-Filmwettbewerbs „Dein Blick in die Natur“ hat sie an vier Nachmittagen jugendliche Asylbewerber und Weßlinger Jugendliche versammelt und mit ihnen die Natur genau beobachtet, Blattstrukturen erforscht, strahlende Blumensträuße gemalt, Experimente mit dem Pinsel gemacht und aus Ton einen Traumgärten geknetet, in dem jeder seinen Lieblingsplatz gestalten konnte. Ein junges Mädchen aus Afghanistan hat der Mutter darin ein blumengeschmücktes Haus gebaut und dem Vater einen Teich zum Baden – vielleicht hat sie der Weßlinger See inspiriert? Auch die anderen Gärten strahlen mit vielen lebendigen Blüten.

„Es ist erstaunlich, wie sehr und wie lange sich vor allen die jungen Männer mit Malerei und Kunst beschäftigen“, staunt Ulrike Roos. Deutsche hätten diese Geduld oft nicht. Eva Dellinger und Michaela Gebert sind vor allem von der positiven und ausgelassenen Stimmung überrascht, die die Flüchtlinge bei den Projekten mitbringen. Die sei so ansteckend, dass es neulich „nach Feierabend“ sogar ein spontanes gemeinsames Musizieren und Tanzen gegeben habe.

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Solidarität über die Gemeindegrenzen hinaus

Nicht nur aus Weßling, sogar aus der Nachbargemeinde Gilching bieten sich Helfer an, um die Flüchtlinge hier zu unterstützen. Zum islamischen Opferfest hat eine türkische Familie aus Gilching alle afghanischen Flüchtlinge im Seehäusl bekocht.
Über 70 Portionen wurden in der Seehäusl-Küche ausgegeben. 25 Kilo Rindfleisch wurden verarbeitet, 10 Kilo Reis kamen auf den Tisch. Zu den Fleischgerichten gab es Linsen-Suppe, Kartoffelsalat und in Weinblätter eingelegten Reis. Eigentlich wollte die Familie Dülger lediglich das Fleisch spenden – wie es zum Opferfest, dem höchsten islamischen Feiertag, Brauch ist.

Frau Dülger

Frau Dülger

 

Aber dann hieß es von der Nachbarschaftshilfe, dass die Flüchtlinge in der Turnhalle gar keine Chance hätten, solche Mengen selbst zu kochen. Und so haben sich Tochter, Mutter und Tante kurzerhand gemeinsam an den Herd gestellt und einen Vormittag lang alles vorbereitet, um am Mittag die vielen Gäste zu verköstigen. Auch alle weiteren Zutaten wurden gespendet, Brot kam von einem türkischen Händler aus Fürstenfeldbruck und Getränke von einem Markt aus Eching, so dass es ein Fest mit reichlichen Speisen, mit guter Stimmung und vielen schönen Gesprächen wurde. Auch die Seehäusl-Helfer durften bei der Familie Dülger, die bereits seit den 70er Jahren in Bayern eine Heimat gefunden hat, reichlich probieren.

Afghanische Familie beim Essen

Afghanische Familie beim Essen

 

Das Opferfest (türkisch Bayram) ist das höchste islamische Fest. Mitten im Ramadan gelegen, gedenkt man an diesem Tag Ibrahim, der auf Gottes Geheiß seinen Sohn Ismael opfern sollte. Als Ibrahim das tatsächlich tun wollte, wurde Ismael von Gott begnadigt und stattdessen ein Widder geopfert. In dieser Tradition wird immer zum Opferfest ein Tier geschlachtet und unter den Bedürftigen verteilt.

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Interview mit Regine Linder: "Jubelmomente und tolles Feedback"

Interview mit Regine Linder, die zusammen mit Uta Brombacher die Deutschkurse organisiert.

Erst mal ein paar statistische Fragen. Wie viele Kurse gibt es denn derzeit? Wie viele Schüler sind da angeschlossen?

Zur Zeit (Mitte Oktober) sind es sechs Kurse mit je zwei mal 1,5 Stunden pro Woche und zwei Alphabetisierungskurse, drei Mal die Woche. Das waren schon mal mehr, aber einige unserer Schüler sind ja schon weggezogen. Mindestens zwei bis drei Lehrer sind für die Kurse eingeteilt. Das bedeutet, wir haben derzeit etwa 40 aktive Lehrer. 90 hatten sich dafür gemeldet. Insgesamt haben wir etwa 80 erwachsene SchülerInnen, bzw. SchülerInnen, die über 15 Jahre alt sind. Die Kinder gehen ja jetzt in die Schule.

Wie geht es damit?

Super! Die meisten wollen wirklich viel lernen und bleiben dran. Gerade in den Alphakursen ist der Fortschritt sehr schnell sichtbar. Es gibt für diesen Kurs drei Bände – der erste Band ist meist schon durchgearbeitet. Die wichtigsten Buchstaben können sie schon. Das Tolle ist, dass die meisten sich gegenseitig sehr unterstützen und es deswegen gut vorwärts geht. Und die Lehrer sind alle unglaublich engagiert. Sie vermitteln ja nicht nur die Sprache, sondern auch, wie unser Land so tickt: Wie das Einkaufen geht, wie man Müll trennt, dass man das Leitungswasser trinken kann…

Wie erleben Sie dabei die Schüler?

Derzeit unterrichte ich selbst nicht und koordiniere nur, aber ich weiß es aus früherer Arbeit: Es ist jedes Mal ein Jubelmoment, wenn jemand das erste Mal begreift, dass diese Laute, die man aufgeschrieben hat, zusammengesetzt ein gesprochenes Wort ergeben: M-a-m-a zum Beispiel.
Das ist das nichtsprachliche Feedback auf der einen Seite. Und dann haben wir auch ganz schöne Reaktionen von unseren Schülern gehört: Ein Schüler, der sehr gut Englisch kann, ist mit vielen Flüchtlingen in ganz Deutschland vernetzt. Der hat uns erzählt, dass Weßling im Vergleich ganz hoch im Kurs steht, weil wir hier so viel mit den Flüchtlingen auf die Beine stellen.

Sie haben ja schon länger Erfahrung mit Deutschkursen für Asylbewerber und auch ganz positive Beispiele.

Ja, Mohammad z.B. kam vor fast vier Jahren. Als wir damals mit dem Unterricht begonnen haben, konnte er nicht lesen und schreiben, und jetzt hat er einen Hauptschulabschluss in der Tasche und eine Arbeitsstelle gefunden. Er hat uns dieses Jahr große Dienste als Übersetzer geleistet, macht bei vielen Aktionen mit. Mohammad war bei den Einstufungstests dabei, die wir vor dem Unterrichten mit allen Ankömmlingen gemacht haben. Und natürlich ist sein Beispiel ein tolles Vorbild für alle Deutschlernenden.

Wie geht’s weiter und was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Alle haben eine große Klage: Dass die Asylbewerber, die uns so sehr ans Herz gewachsen sind, uns wieder verlassen. Aber wir planen schon die Übergabe nach Herrsching und haben u.a. mit der VHS Kontakt aufgenommen. Was ich mir wünsche? Dass wir im Frühjahr genauso nette Familien bekommen wie bisher. Und dass der Elan nicht verebbt und alle mit Schwung dabei bleiben.

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Schöne Erinnerungen

Fotos! Immer wieder hat jemand ein Handy gezückt, um hier noch und da noch ein Foto zu schießen. Es ist, als wollten die Flüchtlinge alles festhalten: Die eigene lächelnde Familie, die Helfer, mit denen sie Arm in Arm posieren, die fünf auf dem Fahrrad balancierenden Freunde, die schöne  Landschaft. Und dass es an diesem Samstagmorgen, als fast 130 Flüchtlinge aus der Turnhalle zu einem Spaziergang zum Schuster nach Hochstadt aufbrechen, neblig ist und ziemlich kalt, ist  dabei völlig egal. Nur die Schwangere, die in nicht mal zwei Wochen ihr Kind erwartet, keucht beim Anstieg vom Aubachtal nach Hochstadt.

Oben werden die Gäste von gedeckten Tischen erwartet. Gastwirt Norbert Harter bewirtet selbst die Gäste mit Hühnerkeulen, Hühnchenragout, Kartoffeln und Salat. Bezahlt wird das Essen von den Spenden der Helfer. Mitten unter ihnen ist auch Ärztin Felizitas Leitner mit Ehemann Anton. Sie kennt viele der Flüchtlinge und versucht sich in der Praxis durch Online-Wörterbücher und ärztlichen Bilderbüchern zu verständigen. An diesem Samstag klappt es auch mit Händen und Füßen oder mithilfe von Mohammad, der wieder übersetzt.

Immer wieder, im Lokal und auf dem Weg sagen sie „Danke“ und lernen nebenher Wörter wie „Pferd“, „Hahn“, „Wald“. Und die Helfer lernen umgekehrt auch: „Schu“ heißt auf Afghanisch „Ehemann“. Zwei Helfer zeigen auf ihre Füße: In Deutsch ist das der „Schuh“. Was zu ziemlich viel Gelächter führt.

Die Stimmung ist aber auch nicht nur in dieser Gruppe gut, es tut gut, für einige Zeit der Enge der Turnhalle entfliehen zu können.. Ob es der kleine 7-Jährige ist, der mit viel Energie die Gruppe immer wieder mit seinem gelben Fahrrad umrundet, ob der höfliche Tierarzt aus Afrika, die Krankenschwester aus Albanien, die auf eine Arbeitserlaubnis hofft, die drei jungen schüchternen Freundinnen aus Afghanistan, die schon so gut Deutsch und ein bisschen Englisch können. Nur der kleine Vierjährige, der im Buggy nach Hause geschoben wird, friert auf den letzten Metern und ist müde. Auch ein anderer kleiner Bursche muss vom Papa getragen werden – für die Kleinen war die Wanderung dann doch anstrengend.

Aber von den Helfern, von Stephan Troberg oder Felizitas Leitner, von Lia Volkmann oder Heike Reik, verabschieden sie sich alle per Handschlag und persönlich. „Danke“, sagen sie, immer wieder „Danke“. Und nehmen ein paar neue, schöne Erinnerungen auf ihrem Handy mit in die Turnhalle und vielleicht irgendwann noch weiter.

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Wie haben die Flüchtlinge Weßling verändert? Das sagen einige der Helfer...

Heike Reik organisiert die Kleiderspenden

Der Ausflug zum Schuster war ein großer Erfolg. Die Flüchtlinge waren super drauf, es hat ihnen beim Schuster geschmeckt und sie haben sich herzlich bedankt. Sie haben sich mit Handschlag und Umarmung bedankt. Mir selbst hat es auch viel gegeben. Mir war wichtig, dass mich die Flüchtlinge auch mal anders kennenlernen . Bei der Kleiderausgabe muss man immer streng durchgreifen. Aber es gibt auch schöne Erlebnisse. Wenn die Kinder in Schlappen und leicht bekleidet kommen und man kann sie warm anziehen. Auch dafür bedanken sich die Eltern.

Ich kann sagen, die Woche nach dem Ausflug war das besonders zu spüren. Hier auch ein großer Dank an unsere Weßlinger Bürger, die unermüdlich ihre Schränke räumen.

Was macht mir Spaß? Wenn man durchs Dorf geht und die Flüchtlinge winken einem zu und die Kinder zupfen mich beim Edeka an der Jacke. Nicht zu vergessen sind auch die Kontakte zu den Helfern. Das ist sehr erfrischend und verbindend. Das schätze ich sehr!

Was hat sich verändert in Weßling?

Die Stimmung ist gut und wir achten mehr darauf, was um uns herum passiert. Wir sollten aber nicht unsere eigenen Sozialhilfeempfänger in Weßling vergessen. Unser Team hat beschlossen, dass auch sie in die Bahnhofhalle kommen dürfen, wenn sie was brauchen. Auf die neuen Flüchtlinge werden wir uns dann auch besser vorbereiten können. Bis jetzt will mein Team weitermachen. Das finde ich großartig.

 

Barbara Pollok organisiert den Schuleinstieg der jungen Flüchtlinge

 

Am 21. September wurden alle in Weßling untergebrachten Asylbewerberkinder zwischen 6 und 15 Jahren schulpflichtig und auf die Grundschule Herrsching und die Mittelschule Gilching verteilt. Die Voraussetzungen der Kinder waren dabei denkbar unterschiedlich, die wenigsten kannten bisher regelmäßigen Schulbesuch. So wurde rasch eine neue Helfergruppe gegründet, um den Schulweg zu üben, mit Eltern und Lehrern in Kontakt zu bleiben, die Kinder mit Turnbeuteln und Brotzeit auszustatten, vor allem aber täglich nachmittags bei den Hausaufgaben zu unterstützen.

Schon beim Infoabend im Seehäusl fanden sich dafür über 30 Helfer, die seither in den Räumen der Grundschule mit Händen und Füßen und auch mit viel Geduld die neugierigen Schüler an die verzwicktesten Aufgabenstellungen deutscher Hausaufgabenblätter heranführen – um so manches Mal dabei festzustellen, dass sie es doch mit einem Analphabeten zu tun haben und dann lieber auf das Lesen von MAMA und OMA und das richtige Halten des Stiftes umsteigen.

Wie viele andere aus unserem Helferkreis möchte ich keinen dieser Momente missen:

  • die äußerst neugierigen Augen der Jugendlichen mit einem Maß an Motivation, das wir in Schulen eher selten in dieser Altersgruppe antreffen,
  • der erste Smalltalk auf Deutsch, wenn ich einem der Kinder mit einem viel zu großen Fahrrad auf der Straße begegne,
  • die enorme Dankbarkeit der Eltern („God bless you all with everything“),
  • die engagierte große Schwester, die tatsächlich erreicht, dass ihr 10-jähriger Bruder doch statt in die Mittelschule in die Grundschule gehen darf, um erst einmal lesen und schreiben zu lernen.

Die größte Herausforderung? Das ist für mich der Schmerz, immer wieder von Jugendlichen angesprochen zu werden, die 16 und älter sind: „Ich – Schule???“. Wie können wir ihnen jenseits des Schulbesuchs eine Perspektive geben? Oder, wie eine Helferin treffend zusammenfasste: „Jetzt sind wir aber richtig herausgerissen aus unserem gemütlichen Leben.“ Diese neue Situation verbindet, zumindest all die, die irgendwie anpacken und ihre Erfahrungen und Ideen teilen. Und das sind inzwischen sehr viele bei uns hier.

Michaela Gebert, Patin für einen Schüler, malt mit den Flüchtlingen

Auch meine Oma war im 2. Weltkrieg Flüchtling. Meine Oma lebte als junge Frau mit ihren zwei kleinen Kindern in Gotha. Ihr Mann war an der Front. Als die unzähligen Bomben fielen, flüchtete sie ganz allein mit dem Allernötigsten und ihren zwei kleinen  Kindern an der Hand, Richtung Westen.

Jetzt kommen mir ihre Geschichten wieder in den Sinn, wenn ich Kinder und junge Mütter und Väter sehe, die ihr Land verlassen müssen, weil der Krieg ihnen ihre Lebensgrundlage genommen hat. Die einfach nur Angst haben und nichts mehr zu verlieren. .

Ich glaube, wenn man in seiner eigenen Familie nachforscht, dass es viele solcher Flüchtlingsgeschichten gibt. Schon vor diesem Hintergrund sollten wir den Menschen, egal aus welchem Land sie kommen, helfen. Sie haben ihre Heimat nicht freiwillig verlassen, sondern "rannten" um ihr Leben, wie es auch meine Oma damals tat.

Nun ist meine Oma 95 Jahre alt, lebt seit dem Kriegsende in Düsseldorf und referiert putzmunter vor Gymnasialklassen über ihre damaligen Kriegs- und Fluchterlebnisse.

 

Wenn man den Jugendlichen aus Syrien oder Afghanistan zuhört, dann sagen die meisten von ihnen, dass sie wieder in ihr Land zurück wollen. Sie vermissen ihre Familie, ihre Mama, ihren Papa und ihre zurückgebliebenen Geschwister. Sie können aber erst heimkehren, wenn Frieden herrscht.

 

Das künstlerische Projekt, einen Film mit Jugendlichen aus verschiedenen Kulturen zu drehen, war spannend und hat mich auch berührt. Es war eine sehr ruhige entspannte Atmosphäre im Seehäusl. Alle Jugendlichen, egal aus welchem Land, egal ob Mädchen oder Junge, haben sich "fallengelassen" und konzentriert an ihren Werken gearbeitet. Es wurde zusammen gemalt, gelacht, gegessen, Musik gemacht, fotografiert und gefilmt. Man hat am ersten Tag in skeptische und in den darauffolgenden Tagen in zufriedene Gesichter blicken können.

 

Gibt es so etwas wie einen Lieblingsmoment in der Zusammenarbeit mit den Flüchtlingen?

Als wir die Blätter mit den Namen der Jugendlichen an einem Baum fotografiert haben.

 

Was macht an der Arbeit besonders Spaß?

Das Miteinander! Gemeinsam Zeit zu verbringen, damit man die Flüchtlinge besser kennen lernen kann.  

 

Wo sind Herausforderungen?

Wir meinen immer, dass wir hier in Weßling auf einer Insel der Glückseligen leben. Wir empfinden aber so, weil Weßling unsere Heimat ist. Für unsere Flüchtlingskinder ist es zwar schön hier, aber sie sind entwurzelt worden, haben irrsinnige Strapazen auf sich genommen, Schreckliches erlebt und sind alle traumatisiert. Das darf man nie vergessen. Deshalb muss man mit ihnen ganz behutsam umgehen, muss sie loben und ihnen Mut machen. Kunst- und Filmprojekte eignen sich dafür hervorragend. Man findet durch die Kunst eine gemeinsame Ebene, schafft Vertrauen und versteht sich trotz Sprachbarrieren.

  

Wie haben die Flüchtlinge Weßling (positiv) verändert?

Ich glaube, man lebt wieder bewusster, nimmt sich nicht so wichtig und schaut wieder mehr auf die Bedürfnisse seiner Mitmenschen.

 

Das Rad-Team rund um Hans Karuga

Seit August sind wir mit unserem Team „Radl für Flüchtlinge“ aktiv. Die Unterstützung ist groß, bislang wurden uns 60 Fahrräder gespendet. Wir setzen sie instand und geben sie gegen Zahlung eines Pfands an die Flüchtlinge weiter. Die Erfahrungen aus anderen Gemeinden zeigen, dass durch die finanzielle Beteiligung die Wertschätzung größer ist und die Radl sorgsamer behandelt werden. Bis jetzt haben wir 30 Fahrräder verteilt. Wir treffen uns immer mittwochs um 18 Uhr im alten Feuerwehrhaus. Wenn wir gemeinsam mit den Asylbewerbern das passende Radl aussuchen, kommen wir oft ins Gespräch und haben viel Spaß, weil wir uns mit Händen und Füßen verständigen müssen. Besonders die Kinder sind glücklich, wenn sie ihre erste Runde drehen. Die Erwachsenen freuen sich, dass sie leichter zum Einkaufen kommen und unabhängiger sind. Wenn wir uns dann radelnd irgendwo in Weßling begegnen, werden wir oft herzlich gegrüßt.